
Interview des Arbeitskreises Israel mit Karin Bayer, Heimleitung im Pflegeheim für Holocaustüberlebende in Maalot, Zedakah-Maisenbach
Es gibt soviel Not und soviel Bedarf an Trost und Liebe.
Karin Bayer
Wir, vom Arbeitskreis Israel, führen seit einigen Jahren Interviews mit Menschen, die etwas für Israel tun oder mit Menschen, die aus Israel stammen und sich für ihr Land einsetzen. Eines der Aufgabengebiete von Zedakah-Maisenbach ist das Pflegeheim für Holocaust-Überlebende in Maalot. Wir haben mit Karin Bayer, Heimleiterin über die Arbeit und die Veränderungen gesprochen.
Liebe Frau Bayer,Sie sind zusammen mit Ihrem Mann als Heimleitung vom Pflegeheim Beth Elieser in Maalot, Israel tätig. Würden Sie uns ein bisschen etwas über sich erzählen?
Mein Mann Micha und ich leiten das Heim seit 2012. Micha ist in Israel aufgewachsen als Kind der Heimgründer Hans und Christl Bayer, von denen wir die Aufgabe übernommen haben. Micha ist nach seinem Studium Gottes Ruf, Mitarbeiter im Werk Zedakah zu sein, gefolgt. Er war dann bis 2012 hauptsächlich im Bereich Technik und Netzwerkadministration eingesetzt. Ich bin 2004 als Volontärin ins Beth Elieser gekommen, um dort in Pflege und Beschäftigung mitzuarbeiten. Geheiratet haben wir 2009, wir haben drei Kinder, die in die städtische Schule gehen, und mit denen wir mitten in der Lebensgemeinschaft leben.
Wie kamen Sie zum Thema Israel?
Nach dem Abitur lernte ich eine wiedergeborene Frau kennen, die mir Zeugnis von ihrer Beziehung zu Jesus gab. Ich fand es etwas eigenartig, ließ mich aber doch darauf ein, die Bücher zu lesen, die sie mir gab und mit ihr über den Glauben zu reden. Eine seelsorgerliche Predigt über den Propheten Jeremia, die sie mir auf Kassette zu hören gab, berührte mich tief. Die Vaterliebe Gottes, die da am Beispiel der Beziehung von Gott mit seinem Volk veranschaulicht wurde, traf direkt in mein Herz. Ich lernte Gott persönlich kennen und wurde sein Kind. Ein Gedanke ließ mich nicht los: Was ist mit Gottes Volk wenn doch Gottes Wesen unwandelbar ist? Ich forschte in der Bibel und entwickelte eine tiefe Liebe zu Gottes Volk, ich verstand, dass ich Gottes Volk in Israel dienen soll. Damals dachte ich an ein bis zwei Jahre.
Die Organisation Zedakah hatte mit dem Beth El in Shavei Zion bereits die Arbeit mit Holocaustüberlebenden begonnen, als 1984 in Maalot das Pflegeheim Beth Elieser für Holocaust Überlebende dazukam. Während bei einem Urlaubsaufenthalt der Kontakt begrenzt ist, die Betreffenden auch noch selbständig sind und der Aufenthalt nach ein paar Tagen wieder endet, ist ein Pflegeheim ein Ort, an dem viel mehr auf Vertrauen zu den Pflegekräften gelebt werden muss. Wie schafften dies die ersten Bewohner und ihre Angehörigen, die noch nicht auf Erfahrungsberichte von Bewohnern/Angehörigen zurückgreifen konnten, sondern einfach vertrauen mussten, dass dies gut geht?
Natürlich war das eine große Herausforderung und forderte von den Mitarbeitern, ganz besonders sensibel zu sein. Die ersten Heimbewohner damals waren noch eher rüstig, kaum schwere Pflegefälle, also Menschen, die sehr deutlich ihre Meinung äußern konnten, was noch mal eine andere Art der Herausforderung darstellte. Als es sich dann immer mehr so veränderte, dass wir hauptsächlich Menschen aufgenommen haben, die so schwach waren, dass sie absolut abhängig von unserer Versorgung waren, wurde uns das Wunder noch einmal größer, dass ihre Angehörigen, sie in unserer Obhut lassen und uns vertrauen. Sicher ist das für die Einzelnen nicht immer einfach.
Die Arbeit wuchs in den Jahren, vieles wird durch Volontäre geleistet, die die Langzeitbeschäftigten unterstützen. Viele von ihnen sind junge Menschen, die gerade die Schulzeit hinter sich haben, im Geschichtsunterricht vom Holocaust gehört haben und nun Menschen erleben, die diese Zeit überlebt haben. Während in Shavei Zion die Gäste wieder gehen und damit auch die Lebens- und Leidensgeschichten kommen und gehen, lebt man in Maalot mit Menschen über Jahre zusammen, die Geschichte dieser Menschen prägen den Alltag. Wie gehen diese jungen Menschen damit um?
Das Verhalten der Heimbewohner ist ohne Zweifel oft sehr von ihren Traumata bestimmt und das prägt natürlich unseren Alltag. Dennoch ist es interessanterweise so, dass bei allem Respekt vor dem, was jeder erlebt hat, die einzelnen Geschichten der Überlebenden in der täglichen Begegnung nicht immer bewusst vor Augen stehen. Man begegnet eher dem Menschen, wie er jetzt ist und ist vielleicht so auch freier, ihm in der aktuellen Situation zu helfen und ihm Gutes zu tun, Liebe und Trost zu schenken.
Wie gehen Holocaust-Überlebende mit diesen jungen Menschen um? Was ist ihre Botschaft an sie?
Wir erleben, dass gerade die Unbeschwertheit unserer jungen Mitarbeiter etwas ist, was die Heimbewohner sehr genießen. Es entwickeln sich oft sehr wertvolle Beziehungen und im Alltag wird auch viel Spaß miteinander gemacht. Die meisten unserer Heimbewohner äußern sich verbal nicht mehr so tiefgehend, aber wir lernen die Familien kennen, sehen, wie die Kinder mit ihren Eltern umgehen, wie sie sich sorgen und ihren Eltern etwas von dem zurückgeben wollen, was sie als Kind erlebt haben. Das versetzt uns oft ins Staunen, wie viele es geschafft haben, ein relativ normales Leben aufzubauen, Familie zu gründen und Kindern ein warmes Zuhause zu geben.
Das Pflegeheim ist christlich geführt, die Bewohner sind jüdisch. Wie bekommen Sie dies im Alltag hin? Die Bestimmungen über koschere Küche sind ja das eine, das ist eine Sache der Organisation, auch der Räumlichkeit. Aber es gibt ja ganz viel, das einfach mit dem jüdischen Glauben verbunden ist, z.B. Shabbat oder Feste. Wie wird dies in Maalot umgesetzt?
Das Leben im Pflegeheim ist ganz nach dem jüdischen Kalender ausgerichtet. Wir orientieren uns in der Gestaltung des Alltags an den jüdischen Vorgaben und können auch z.B. die biblischen Feste von Herzen mitfeiern, die immer ein Hinweis sind auf den Gott der rettet, den Gott der Wunder tut und befreit. Jeden Abend lesen wir mit den Bewohnern aus den Psalmen und singen ein Lied.
Wir als Mitarbeiter haben vor Dienstbeginn eine Morgenandacht mit gemeinsamen Gebet, treffen uns einmal in der Woche nach Dienstschluss zum Hauskreis und unser Gottesdienst findet am Shabbat statt, weil dies in Israel der Ruhetag ist und der Alltag am Sonntag wieder beginnt und uns somit gar nicht die Möglichkeit geben würde, auszuruhen.
Maalot befindet sich im Norden von Israel, die Grenze zum Libanon ist relativ nah. Nach dem 7.10. 2023, dem sog. Schwarzen Shabbat, mussten die Bewohner und die Beschäftigten 430 Tage in den Bunker umziehen, weil die Hisbollah die Region mit ihren Raketen überzog. Mit Beginn des Krieges zwischen Israel und dem Iran mussten Sie wieder in den Bunker. Wie sehr hat dies den Alltag belastet? Wie gestaltet man den Alltag unter diesen Bedingungen?
Während der Zeiten im Bunker haben wir es gar nicht so reflektiert betrachtet, da ist man eher damit beschäftigt, irgendeine Normalität zu schaffen und Abläufe zu finden, die für alle gangbar sind. Unsere Aufgabe, die Heimbewohner zu versorgen blieb uns ja und da denkt man darüber nach, wer noch ein Getränk braucht, oder Laufübungen machen muss. Das ist sicher sehr hilfreich gewesen, dass wir so auch schnell einen Alltag gefunden haben.
Und irgendwie hatten wir während der 430 Tage im Bunker auch immer das Gefühl, dass die Bunkersituation für die Heimbewohner gar nicht so belastend ist. Als wir dann aber wieder auf die Station zurückgezogen sind und die Bewohner mit Tageslicht geweckt wurden, haben wir gesehen, was es für einen großen Unterschied für sie macht. Es war also wirklich eine Belastung
Natürlich haben wir versucht, möglichst viel draußen und im Tageslicht zu sein in Bereichen, die als relativ sicher galten, aber über die jetzige Normalität sind wir sehr dankbar.
Auch für die Mitarbeiter war es wichtig, mal rauszukommen und je nach Sicherheitslage war es auch möglich, Ausflüge zu machen, was wir sehr unterstützt haben. Ein Restrisiko blieb natürlich, aber das hatten die Kinder z.B. auch, die ebenfalls lernen mussten Schulalltag unter Kriegsbedingungen zu leben.
Ihre Bewohner haben den Holocaust überlebt, viele in Konzentrationslagern unter menschenunwürdigen Zuständen, wie sehr hat die Bunkererfahrung sie wieder daran erinnert?
Es ist sehr schwer zu sagen, wie bewusst sie diese Verknüpfung eventuell gemacht haben. Manche haben aber ihre Traurigkeit darüber geäußert, dass ihr Volk nun schon wieder verfolgt wird und keine Ruhe findet. Wir fanden genau diese Realität unfassbar schwer zu ertragen, dass während wir immer noch Überlebende der Nazi-Grauen pflegen aktuell jüdische Menschen ein ähnliches Trauma erfahren.
Sie mussten immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten in den Bunker, dies betraf meist nur eine relativ kurze Zeit, haben Sie hier Unterschiede mit dem Umgang der Situation erlebt?
Die letzte Bunker Zeit vor Oktober 2023 war im Sommer 2006, als der zweite Libanonkrieg ausbrach. Damals haben wir 5 Wochen im Bunker verbracht, was bis dahin der längste Bunkeraufenthalt im Beth Elieser war. Es war schon ein ganz merkwürdiges Gefühl, als wir die 5 Wochen überschritten hatten und noch kein Ende des Konflikts in Sicht war. Der Krieg wurde Teil des Alltags, was zunächst befremdlich ist, aber mit den Routinen, die dieser Alltag mit sich bringt auch eine gewisse Ruhe und Beständigkeit in die Ungewissheit bringt, was wir alle als sehr hilfreich empfunden haben.
Die Arbeit von Zedakah in Israel ist untrennbar mit der Familie Bayer verbunden, Generationen der Familien, die diese Arbeit inzwischen tun und der Lebensmittelpunkt ist in Israel mit allen Konsequenzen, so dienen auch die Kinder in der Armee. Im Dezember 2023 wurde Urija Bayer bei dem Einsatz in Gaza verletzt und verstarb an der Verletzung. Wie geht die Familie damit um? Wie gehen die Bewohner von Maalot damit um?
Von der israelischen Bevölkerung und besonders auch von der Stadt Maalot erfährt die Familie eine sehr große Wertschätzung und eine überwältigende Anteilnahme. Leider kennen viele Menschen diesen Schmerz des Verlusts auch aus eigener Erfahrung. Viele kommen, wollen trösten und erfahren, wie sie selbst getröstet werden durch Urijas Zeugnis. Es berührt die Israelis zutiefst wenn sie erfahren, dass es Menschen gibt, die Israel lieben, weil Gott Israel liebt und dass sie auf dieser Grundlage bereit sind, alles einzusetzen.
Die erste Generation der Holocaust-Überlebenden stirbt in den nächsten Jahren aus, aber die Arbeit geht weiter. Das Beth Elieser wird zur Zeit erweitert von 24 auf 70 Plätze. Die zweite Generation der Holocaust-Überlebenden, deren Kinder wird in den kommenden Jahren pflegebedürftig werden. Sie sind geschult im Umgang mit Holocaust-Überlebenden, die zweite Generation wird wahrscheinlich nicht weniger herausfordernd sein. Auf welche Änderungen in der Pflege dieser Gruppe stellen Sie sich ein?
Für uns ist es momentan eine sehr große Frage, wie wir später das erweiterte Gebäude belegen. Ohne Zweifel wird es immer bedürftige Menschen in Israel geben, die einen guten Pflegeplatz brauchen. Die Zweite Generation ist auf jeden Fall eine Zielgruppe, an die wir gut anknüpfen können, mit der wir auch schon Erfahrung gesammelt haben und sehen, dass sich Traumata aus der ersten Generation hier weiterziehen. Aber angesichts der aktuellen Lage im Land ist es für uns gar nicht so einfach, sich festzulegen. Es gibt so viel Not und so viel Bedarf an Trost und Liebe.
Wenn Sie an die Zukunft denken, was bewegt Sie, was wünschen Sie sich?
Es würde mich sehr freuen, wenn sich wieder mehr Menschen aufmachen würden, um hier in Israel an Gottes Volk zu dienen, um damit auch ein Zeichen in Deutschland zu setzen, dass sie an der Seite Israels stehen. Und ich hoffe, dass wir als Werk auch weiterhin treu an der Seite Israels stehen und langfristig auch verstehen, wie wir Israel in rechter Weise trösten können.
Liebe Frau Bayer, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.
Für den Arbeitskreis Israel
März 2026 / R.K.
