Wir, vom Arbeitskreis Israel, führen seit einigen Jahren Interviews mit Menschen, die etwas für Israel tun oder mit Menschen, die aus Israel stammen und sich für ihr Land einsetzen. Eines der Aufgabengebiete von Zedakah-Maisenbach ist das Beth El in Shavei Zion, ein Gästehaus, in dem sich Holocaust-Überlebende erholen können. Wir haben mit Judith Rentschler, die für die Verwaltung und das Personal der Einrichtung zuständig ist über die Arbeit und die Veränderungen gesprochen.

 

Interview des Arbeitskreises Israel mit Judith Rentschler, Verwaltungsleitung im Beth EL, Shavei Zion, Zedakah-Maisenbach

 

Wir, vom Arbeitskreis Israel, führen seit einigen Jahren Interviews mit Menschen, die etwas für Israel tun oder mit Menschen, die aus Israel stammen und sich für ihr Land einsetzen. Eines der Aufgabengebiete von Zedakah-Maisenbach ist das Beth El in Shavei Zion, ein Gästehaus, in dem sich Holocaust-Überlebende erholen können.  Wir haben mit Judith Rentschler, die für die Verwaltung und das Personal der Einrichtung zuständig ist über die Arbeit und die Veränderungen gesprochen

 

Liebe Frau Rentschler, Sie sind in der Verwaltung des Beth El in Shavei Zion, Israel tätig. Würden Sie uns ein bisschen etwas über sich erzählen?

Mein Name ist Judith Rentschler. Ursprünglich komme ich aus dem schönen Baden-Württemberg. Nach zwei kürzeren Einsätzen in Israel, lebe ich seit 2008 dauerhaft in Shavei Zion im Nordwesten des Landes, wo Zedakah e.V. ein Gästehaus für Holocaustüberlebende unterhält. Vor meiner Ausreise habe ich Europalehramt an Grund- und Hauptschulen studiert. Im Gästehaus Beth El bin ich hauptsächlich in der Volontärsbegleitung und Verwaltung tätig, aber auch im Gästebereich und in der Hauswirtschaft.

 

Wie kamen Sie zum Thema Israel?

Mit dem Thema Israel kam ich vor genau 30 Jahren zum ersten Mal in Berührung. Meine Großeltern waren Mitte der 90er Jahre als Volontäre im ebenfalls von Zedakah e.V. geführten Pflegeheim für Holocaustüberlebende in Maalot (Nordisrael) tätig. Bei einem Besuch lernte ich die Arbeit von Zedakah und das Land Israel kennen, das ich bis dahin nur aus biblischen Geschichten kannte. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis ich nach dem Abitur 2001 ebenfalls für ein Jahr als Volontärin ausreiste und die Möglichkeit hatte, dieses faszinierende Land und seine Menschen noch intensiver zu erleben. Dies war die Zeit der zweiten Intifada (2000-2003). So bekam ich auch einen ersten Eindruck davon, was es heißt unter täglicher Terrorbedrohung einen Alltag zu gestalten. Noch intensiver erlebte ich dies 2006, als ich für einen weiteren Einsatz nach Israel kam und mit Beginn des 2.Libanonkriegs am Flughafen ankam. Statt in der geplanten Gästearbeit in Shavei Zion fand ich mich fünf Wochen lang zusammen mit allen Mitarbeitern und Heimbewohnern im Bunker des Pflegeheims wieder. In dieser Zeit habe ich auch vom Herz her die wertvolle Arbeit von Zedakah verstanden: Christen aus Deutschland, die motiviert durch Jesu Liebe Holocaustüberlebenden dienen und bemüht sind, deren Lebensabend so angenehm wie möglich zu gestalten.

 

Der Holocaust war gerade mal 15 Jahre vorbei, vieles war in der Erinnerung der Überlebenden noch frisch, als die Organisation Zedakah die Arbeit in Israel begann. Zunächst ab 1960 in Naharija,  1969 erfolgte der Umzug nach Shavei Zion. Und doch wurde das Angebot von Zedakah von den Betroffenen angenommen. Wie viele Vorbehalte, vielleicht auch Ängste steckte in den ersten Gästen?

Bei der Einweihung des Gästehauses in Naharia 1960 war der 2.Weltkrieg mit seinen Schrecken erst 15 Jahre vergangen. Die Wunden der Überlebenden waren noch ganz frisch, viele mussten lernen, ein neues Leben in einem fremden Land aufzubauen – auf dem Hintergrund der Trauer um Angehörige und Freunde und der persönlichen Traumatisierung. Aus Berichten und Gästebucheinträgen wissen wir, dass die Vorbehalte gegenüber Christen im Besonderen und Deutschen im Allgemeinen groß waren und Vertrauen langsam aufgebaut werden musste.

 

Gab es bei den ersten Beschäftigten vor Ort die Befürchtung, all dem nicht gerecht zu werden,  Holocaust-Überlebende nicht davon überzeugen zu können, dass es Deutsche gibt, die anders sind, als die, die die Betroffenen erlebt haben?

Ich weiß gar nicht, ob das damals schon so reflektiert wurde. Die Zedakah-Pioniere begannen diese Arbeit in einer äußerst demütigen Haltung gegenüber dem jüdischen Volk und vor allem den Überlebenden. Vermutlich ging es ihnen nicht um einen Beweis der „anderen“ Deutschen, sondern sie waren geprägt von tiefer Liebe und Schuldbewusstsein. Aus der Urkunde der Grundsteinlegung 1966: Dieses Haus wird von gläubigen Christen aus Deutschland gebaut, die erkannt haben, dass sie dem alten Bundesvolk Gottes unendlich viel Dank schuldig sind, hinsichtlich dessen, was dieses Volk ihnen an geistlichen Gütern, v.a. durch die Bibel gegeben hat. Zum andern wissen sie um die Schuld, die dem auserwählten Volk Gottes von dem deutschen Volk zugefügt wurde und unter diese Schuld stellen sie sich auch.

 

Die Arbeit wuchs in den Jahren, vieles wird durch Volontäre geleistet, die die Langzeitbeschäftigten unterstützen. Viele von ihnen sind junge Menschen, die gerade die Schulzeit hinter sich haben, im Geschichtsunterricht vom Holocaust gehört haben und nun Menschen erleben, die diese Zeit überlebt haben.  Wie erleben sie diese Zeit mit den Zeitzeugen? Und wie gehen Holocaust-Überlebende mit diesen jungen Menschen um? Was ist ihre Botschaft an sie?

Im Gegensatz zur Pioniergeneration sind die heutigen Volontäre im Alter der Enkel und Urenkel der Überlebenden. Für beide Seiten ist klar, dass diese jungen Menschen keine Schuld an den Gräueltaten ihrer Vorfahren tragen. Darüber hinaus bringt die Unbeschwertheit der meist 18-/19-Jährigen eine wohltuende, sympathische Leichtigkeit in den Alltag der alt Gewordenen. Die Botschaft der Überlebenden ist, dass die jungen Menschen keine Schuld, aber Verantwortung tragen, dass „so etwas“ nie wieder passiert. Für die jungen Volontäre ermöglicht das persönliche Kennenlernen der Senioren die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und der daraus entstehenden Verpflichtungen für die Gegenwart. Und das nicht nur auf moralischer Ebene, sondern emotional motiviert.

 

Sie bieten in einem christlich geführten Haus Urlaub für Menschen an, die Juden sind. Wie bekommen Sie beides zusammen? Können Sie uns Ihre Arbeit ein wenig beschreiben?

Grundsätzlich sind wir als Mitarbeiter aus Deutschland (bzw. anderen deutschsprachigen Ländern) überzeugte Christen. Dieses verbindende Element ist die Motivation und Grundlage unserer Arbeit. Daher ist die gelebte Glaubensgemeinschaft zentral. Gemeinsam beginnen wir den Tag mit Gebet und Bibellesen, treffen uns wöchentlich zu Hauskreisen und Gottesdiensten.

Aufgrund der deutschen (und leider auch für jüdische Menschen oft nicht positiv erfahrenen christlichen) Vergangenheit leben wir unseren Glauben in Israel nicht missionarisch-offensiv, vielmehr soll unser Leben Jesus widerspiegeln und bedingungslose Liebe erfahrbar machen. Unsere Gäste und Heimbewohner, deren leidvolle Vergangenheit auch ihre Beziehung zu einem allmächtigen, liebenden und vertrauenswürdigen Gott stark belastet, möchten wir so ermutigen, Vertrauen zu wagen zu unserem gemeinsamen Gott. Gemeinsam lesen wir aus dem jüdischen Tanach (das entspricht unserem Alten Testament), beten und singen. Jüdische Feste und Feiertage werden gemeinsam gefeiert und der gemeinsame Schabbatbeginn ist jeden Freitagabend der Höhepunkt der Woche für die gesamte Zedakah-Familie.

 

Shavei Zion befindet sich im Norden von Israel, die Grenze zum Libanon ist nicht allzu weit entfernt. Sie haben die Intifadas erlebt, einen Libanonkrieg, jetzt den Schwarzen Shabbat am 7.Oktober 2023, den darauf folgenden Krieg im Gazastreifen, die Militäreinsätze der IDF im Westjordanland, der Krieg mit dem Iran, der vor kurzem in die zweite Runde ging, auch die Hisbollah im Libanon ist wieder involviert. Wie geht man mit dieser ständigen Bedrohung um?

So sonderbar es sich vielleicht für deutsche Ohren anhören mag – jede Situation kann zum Alltag werden. In irgendeiner Art und Weise geht das Leben weiter – auch unter Terror- und Kriegsbedrohung.  Bunkeraufenthalte und Raketenalarm, die Nachrichten von Gefallenen und Zerstörung hinterlassen ihre Spuren. Vor allem für uns Mitarbeiter, die wir den Luxus hatten, im Frieden Deutschlands aufzuwachsen, wird diese bisher als selbstverständlich gesehene Realität ein besonderes Geschenk. Wir merken, das Leben ist zerbrechlich und außerhalb unserer Kontrolle. Die Erfahrung von Angst machenden und vielleicht auch lebensbedrohlichen Situationen macht uns bewusst, was es bedeutet, dass unser Leben in Gottes Hand ist und er die Kontrolle behält. Er ist unser Schutz und Friede – das wird ganz praktisch erlebbar. Ihm können wir uns immer anbefehlen.

Je länger ich in Israel lebe und Menschen kenne, die zeitlebens dieser Situation ausgesetzt sind, die nicht einmal theoretisch in ein sicheres „Heimatland“ zurückkönnen, wenn es zu viel wird, eröffnet eine neue Dimension und Verständnis für dieses zutiefst traumatisierte Volk. Ich sehe, dass unser Auftrag als Zedakah e.V. weit über die Holocaust-Generation hinaus Bedeutung hat: Tröstet, tröstet mein Volk.

 

Seit dem Corona-Ausbruch hat es immer wieder Zeiten gegeben, in denen Sie ihre eigentliche Arbeit nicht durchführen konnten. Während der Corona-Zeit ging es aus Gründen der gesundheitlichen Gefährdung nicht und dann kam der Krieg mit der Hamas. Mit Raketenbeschuss, den auch Sie erlebt haben. Die Urlaubsangebote für Holocaust-Überlebende konnte nicht mehr angeboten werden. Bis heute sind sie nicht möglich. Wie haben Sie die Zeit überbrückt?

Seit Anfang 2020 können wir die seit 1960 praktisch ununterbrochene Gästearbeit nicht mehr ausüben. Bedingt durch die Corona-Pandemie und dann den Überfall der Hamas am 07.10.23 mit dem anschließenden (bis heute andauernden) Krieg hindert aktuell die geringe Zahl an Jahresvolontären die Wiederaufnahme der Holocaustüberlebenden. Auch wenn unsere Pläne ganz anders waren, haben wir in dieser Zeit erlebt, wie Gott uns neue Aufgabenfelder zuweist und wir in unserer unmittelbaren Umgebung Segen und Hoffnung weitergeben dürfen. So wurde unser Haus und Gelände mit insgesamt drei großen Schutzräumen Zufluchtsort für Menschen in unserer Nachbarschaft, die keinen eigenen Bunker haben und in der Zeit der Raketenalarme bei uns wohnten. Unterschiedlichste kulturelle Veranstaltungen konnten auch während der Kriegsphase aufgrund der Schutzraumnähe durchgeführt werden und über mehrere Wochen beherbergten wir auch einen Kindergarten, Schulklassen und eine Arztpraxis. Neue Kontakte sind so ganz natürlich entstanden, alte wurden aufgefrischt und intensiviert. Vereinzelt konnten wir auch kleinere Angebote für Holocaustüberlebende anbieten, was uns ganz besonders gefreut hat.

 

Sie haben in den letzten Monaten, in denen kein Gästebetrieb stattfinden konnte,  unter anderem den sicheren Betrieb von Kindergarten und Schule in Ihren Räumen gewährleistet. D.h. der Generation von Israelis geholfen, die den Holocaust auch nur noch aus Erzählungen kennen,  aber die Gefahr erleben, die immer präsent ist in diesem Land. Die schon als Kinder lernen, dass man sie hier nicht will, weil sie Juden sind. Und dann erleben diese Kinder und Jugendliche (und auch die Eltern) eine Organisation, die für Versöhnung steht, für Verantwortung und aus Christen besteht. Wie geht diese Generation damit um?

Durch diese Öffnung unseres Hauses kamen wir in Kontakt mit unterschiedlichsten Generationen. Grundsätzlich wurde uns ganz neu bewusst, dass der Holocaust, Terror und Kriege, dazu der ständig präsente weltweite Antisemitismus, Spuren im jüdischen Volk hinterlässt. Nicht nur die Überlebenden selber, sondern auch deren Nachkommen leiden unter den Traumata. Dies führt zu grundsätzlicher Skepsis und Misstrauen allen gegenüber, die sich „Freunde“ nennen. Auf den Punkt gebracht mit der häufig gehörten Aussage: „Wenn´s hart auf hart kommt, sind wir allein“.

Immer wieder ist es für mich ein enormer Vertrauensbeweis, dass Gäste und Heimbewohner zu uns kommen, sich wohl fühlen und an Beziehung Interesse haben, uns ihre Fragen und Nöte anvertrauen. Nach allem, was geschehen ist, nicht selbstverständlich. Verständnis und Liebe brauchen wir für die Menschen, die uns auch heute noch mit Skepsis und Misstrauen begegnen und deren Mauern der Vorbehalte erst nach Jahren kleine Risse bekommen.         

 

Im Gegensatz zu Maalot, dem Pflegeheim wird die Aufgabe Holocaust-Überlebenden Erholung anzubieten in der nahen Zukunft enden. 80 Jahre nach Kriegsende bedeutet auch, dass diese Menschen in einigen Jahren nicht mehr unter uns sein werden. Das Beth EL wurde aber für diese Aufgabe des Gästebetriebes für Holocaust-Überlebende gegründet. Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus? Was wird der Schwerpunkt werden, wenn es nicht mehr die Holocaust-Überlebenden sein können?

Schon seit einigen Jahren beschäftigt uns die Frage nach einer zukünftigen Zielgruppe. Dabei ist für uns ausschlaggebendes Kriterium, dass wir Gottes Willen erkennen. Er hat die Arbeit ins Leben gerufen, er hat uns über 6 Jahrzehnte mit Spenden und Mitarbeitern versorgt und dadurch den Auftrag bestätigt.

Er soll auch die Weichen in die Zukunft stellen. Dass der Tröstungs-Auftrag von Zedakah über die Holocaustgeneration hinausgeht ist uns bewusst und dass es trostbedürftige Menschen in Israel gibt, ist uns spätestens seit dem 07.10.2023 täglich vor Augen, doch das „grüne Licht von oben“ für die eine oder andere (vielleicht auch mehrere?) Zielgruppen erbeten wir noch. Bis wir darüber Klarheit haben, machen wir in Treue das, was uns täglich vor die Füße gelegt wird.

 

Wenn Sie an die Zukunft denken, was bewegt Sie da? Was wünschen Sie sich?
Mein Wunsch für die Zukunft ist SCHALOM für Israel – Gottes Friede, der allen Verstand übersteigt, der weit über die Abwesenheit von Krieg hinaus reicht.

 

Liebe Frau Rentschler, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.

Für den Arbeitskreis Israel

Mai 2026 / R.K